Was das Herz begehrt

Die Vorbereitung auf unsere Langzeitreise

Der zweite Monat im Kalenderjahr wurde von den Römern nach dem Reinigungsfest Februa, das zu dieser Zeit stattfand, benannt und leitet sich vom lateinischen "februare" ab, was so viel bedeutet wie reinigen. Vielerorts nimmt man dann auch heute noch einen gründlichen Frühjahrsputz vor und lüftet die Gemächer vom Staub und befreit sie von den Ansammlungen des langen Winters. In Vorbereitung auf unsere Europareise passte diese Idee auch ausgezeichnet mit unserem Vorhaben zusammen, die Wohnung zu entrümpeln und von unserem Habtum auszusortieren. Denn zum 30.11. soll die Selbige aufgegeben und unser übriger Besitz andernorts untergestellt werden.

Der Begriff "Minimalismus" zog vor einigen Jahren luftig-leicht und innere Harmonie versprechend durch die Medien in unsere Gemüter. Bei diesem alternativen Lebensstil wird durch Konsumverzicht oder -einschränkung versucht, der Überflussgesellschaft entgegenzuwirken. Damit sollen Alltagszwänge minimiert werden und dadurch ein selbstbestimmteres Leben möglich sein. In Ratgebern, Zeitschriften und Blogs wurde diese Haltung hoch und runter geleiert und anschaulich von einigen Hardlinern auf die Spitze getrieben. Ich las daraufhin Schumachers "Small is beautiful" und Niko Paech wuchs mir mit jedem Wort aus "Befreiung vom Überfluss" für alle Zeiten ans Herz. Die nach der Devise des Minimalismus handelnden Systemaussteiger beäugte ich zwar immer mit leicht hochgezogenen Augenbrauen, aber regelmäßig auch voll Anerkennung und mit mindestens einem Quäntchen Neid, ihren angestauten Wohlstandsschrott so konsequent quitt geworden zu sein und tatsächlich mit so wenig Gegenständen auszukommen.

In der Tat werden beim Loswerden von Dingen - sozusagen beim Sichbefreien - ähnlich viele Endorphine ausgeschüttet wie beim Lieblingshobby der Bewohner der Westlichen Welt, dem "Shoppen". Das Ausmisten verheißt darüber hinaus noch eine Kette von weiteren Vorteilen: weniger volle Schränke, dadurch ein besserer Überblick, ein größerer Nutzen der übrigen Habseligkeiten, weniger verschwendete Zeit bei der Instand-, Sauberhaltung und Pflege, mehr Geld im Portmonee und auch mehr Freiheit. Ein schöner Ansatz demnach, der in regelmäßigen Intervallen voll Sehnsucht in mir hochbrodelt. Eine Reduktion auf das Wesentlichste, eine permanente Klarheit in den Räumen ist ein großer Wunsch der sich wohl bei einem Leben mit Kindern nur schwer verwirklichen lässt.

Es lässt sich konstatieren, dass je größer das Zuhause ist, umso mehr Schränke und Kommoden finden darin Platz, die es wiederum förmlich anziehen, gefüllt zu werden. Genauso lädt ein geräumiger Keller ganz selbstverständlich dazu ein, alles was in der Wohnung selbst nicht mehr unterkommt, abzuladen, und es bald darauf zu vergessen. Dann scheint es dort wie von Zauberhand zu einer geheimnisvollen Vermehrung der Sachen zu kommen. Zusätzliche Boxen für Spielzeug, Truhen für Wäsche und Kartons für Dekoartikel müssen dann in der Hoffnung angeschafft werden, den Überblick nicht vollkommen zu verlieren und den Kram zu gegebener Zeit wieder nutzen zu können. In Sachsen hat man für all das Zeug übrigens einen herrlichen Ausdruck, den man wohl auch andernorts kennt, aber nirgends sonst so erfrischend-abschätzig intoniert: Gelumpe!

Letzten Sommer tat ich zum ersten Mal bewusst etwas geradezu Reaktionäres: Ich trug diverse Kleidungsstücke richtiggehend ab. Der Stoff meiner Schwangerschaftskleider wurde mit jedem Tragen dünner und dünner bis er zerschlissen war und riss oder die Stücke nach unzähligen Waschvorgängen komplett aus der Form geraten waren. Ein grandioses Gefühl befiel mich, hatte ich die Sachen doch wirklich lange in Gebrauch sowie den Geldwert abgetragen und nicht irgendwann einfach aus "dumdideldei" entsorgt auch wenn ich es dabei bewenden ließ und mir nicht die Arbeit machte, die entstanden Löcher zu flicken. Entflammt von dieser Erfahrung wanderten auch einige andere Teile aus meiner Garderobe in den Altkleidercontainer. Es waren die, die ich seit Ewigkeiten nicht mehr getragen hatte und die aus Sentimentalität im Schrank verblieben waren, außerdem die, in die ich voraussichtlich nicht mehr passen würde oder an denen ich mich schlicht und ergreifend so satt gesehen hatte, dass ein erneutes Tragen selbst in weiter Zukunft unvorstellbar wurde. Diesen Stücken hoffe ich durch die Abgabe zu einem längeren Leben an einer anderen Trägerin zu verhelfen. Auf diese Weise sortierte ich rigoros meinen ganzen Kleiderschrank aus, der schlussendlich eine angenehme Ausdünnung erfahren hatte.

Das erinnerte mich daran, wie ich vor etlichen Jahren vom Selbstversuch einer Journalistin las, die sich der Zeitersparnis und Vereinfachung halber eine Arbeitsuniform zulegte: Sie kaufte drei identische schwarze Jeans und sieben ebensolcher weißer Blusen sowie einen schwarzen Lederchoker als Hingucker und trug so jeden Tag im Job das gleiche Outfit. Ob am eigenen Arbeitsplatz oder beim Meeting mit dem Vorgesetzten: Sie war stets passend gekleidet, fühlte sich immer wohl in ihrer Haut und musste sich morgens keine Gedanken mehr machen, was sie anziehen sollte. Ich war damals schon sehr angetan von dieser Idee auch wenn es mir auf lange Sicht zu eintönig und auch unflexibel erschien; gerade im Hinblick auf das Wetter. So wie eine große Auswahl den Menschen nachweislich unzufrieden werden lässt, macht es ihn meiner Meinung nach genausowenig glücklich, kaum Alternativen zu haben. Etwas Spielraum braucht es zum Glück; wieviel  genau, das kommt wohl auf den Einzelnen an.

Ein Sprichwort besagt, man solle in seinem Zuhause nichts aufbewahren, was weder nützlich, noch schön ist. Eine einfache wie geniale Faustregel wie ich finde. Diese nahm ich als Ausgangsüberlegung für weitere Ausmistaktionen in unserem Zuhause. Wir stellten uns außerdem die Fragen: Was brauchen wir und was nutzen wir davon eigentlich tatsächlich? Was ist auch unabhängig von Gebrauch, Nutzen und tatsächlichem Wert wichtig für uns, was möchten wir trotzdem behalten weil unsere Erinnerungen bespielsweise daran hängen? Zugespitzt formuliert: Welcher Besitz stellt nur noch Ballast dar und welche Dinge würden wir auch aus dem Feuer retten?

Unser persönliches "Großreinemachen" hat jedenfalls begonnen: Wir sortierten enthusiastisch unsere Kleiderschränke aus, verkauften Bücher auf momox und rebuy, stellten Schnickschnack auf ebay-Kleinanzeigen ein und anderes Zeug für Trödelmärkte bei Seite und vermerkten Sperrmülltermine im Kalender. Einmal angefangen zeigt sich nun immer mehr, von was wir uns eigentlich genauso gut trennen können. Einige Möbelstücke, aber auch Lampen und andere festmontierte Teile werden aber auch an den neuen Mieter übergeben. Andere Möbel wollen wir definitiv behalten und auch etliche Gebrauchsgegenstände der Küche und Haushaltstextilien werden wir später wieder weiternutzen. Bei allem Übrigen wird nun die Spreu vom Weizen getrennt. Das "Hamstern für schlechte Zeiten" und das "Aufbewahren für einen ungewissen Nutzen in einer fernen Zukunft" sind für uns als Gründe gestrichen. Und schlussendlich werden auch Sachen abgestoßen, derer ich einfach überdrüssig geworden bin.

Dennoch: Sich mit materiellen Erinnerungen oder mit Schönem umgeben zu wollen, Dinge zu besitzen und ja, auch anzuhäufen, ist wahrscheinlich ein natürliches menschliches Begehren, und auch wir merken: Von Allem wollen wir uns sicher nicht trennen. Aber wir möchten lieber an einigen wenigen Stücken festhalten, als in überladenen Zimmern zu wohnen und nicht mehr zu wissen, was alles in unseren Schränken schlummert. Manche Objekte erzählen aus unserer Lebensgeschichte, an manchen Dingen hängt einfach unser Herz. Daher ist es nicht unser Ziel, auf das Geratewohl alles loszuwerden, sondern es geht uns darum, sich von dem zu trennen, was wir nicht brauchen und was uns nur beschwert. Ich bin sehr gespannt, was genau übrig bleiben wird: Was wir nicht aus den Händen geben wollen und was für uns von unschätzbarem Wert ist.