Unsere erste Etappe in Südfrankreich

Ein neues Jahr hat begonnen und einige Tage zuvor erreichten wir nach 12-stündiger Nachtfahrt in den Morgenstunden unser erstes Ziel in der französischen Region Okzitanien. Über Silvester verbrachten wir eine Woche in Perpignan und ließen den Kindern Zeit, sich von der langen Fahrt zu erholen und uns allen, um uns auf die neue Situation einzulassen.

Unsere Unterkunft konnte kaum an Authentizität übertroffen werden. Im Ortsteil Claira bezogen wir noch am Vormittag in der Rue de L'Hôpital ein kleines Häuschen. Mit bunten Kacheln befliest, sichtbaren Holzbalken an der Decke, weißen Fensterläden, filigraner Blütenornamentik an Türklinke sowie Geschirr und Schnitzereien am Mobiliar war unser Refugium für diese Zeit ein echter Glücksgriff. Nur die steilen Treppen sicherten wir aus Sorge um unseren übermütigen Nachwuchs provisorisch mit einem quer gelegten Spiegel ab. Auch die Parksituation war optimal, denn unser Bulli konnte allzeit auf einem kleinen, nur wenige Meter entfernten Parkplatz sicher abgestellt werden. Leider konnte ich mich an die im südlichen Europa des Öfteren standardmäßig aus Laken und darübergelegter Decke bestehenden Bettdecken überhaupt nicht gewöhnen; nachts bedeckte ich mich so notdürftig mit mitgeführten, dünnen Baumwolldecken, was mir wohl einen hartnäckigen Husten einbrockte. Da sich auch die Puttchen einen leichten Schnupfen eingehandelt hatten, wurden wir bald in der hiesigen Apotheke vorstellig, um etwaige Bazillen im Keim zu ersticken, was hervorragend fruchtete und baldige Genesung zur Folge hatte. Ansonsten kam meine selbst zusammengestellte und eigens benannte "MacGyver-Tasche" schon in dieser ersten Bleibe zum Einsatz und behelfsmäßige Wäscheleinen aus Spannseilen sicherten uns die Trocknung aller Kleidungsstücke in absehbarer Zeit.

Bei Sonnenschein, um die 15° Celsius und dem Anblick von Palmen, Kakteen, Pinien-, Oliven-, Orangenbäumen sowie Säulenzypressen erkundeten wir die Gegend. Im kleinen Claira spazierten wir durch die Gassen, besahen uns die Windmühle, das Wahrzeichen des Ortes, und den örtlichen Friedhof, der auf Grund der Grabbauweise, den oberirdischen Grüften, einen Besuch wert war und besuchten auch den Spielplatz. Wir fuhren wiederholt nach Perpignan, wo noch sämtliche Weihnachtsattraktionen aufgebaut waren, die Kinder fuhren Karussell und spielten auf einem sehr schönen Spielplatz, der extra für Kleinkinder errichtet wurde und mitten im Bir-Hakim-Parc liegt. Außerdem fuhren wir ans Meer nach Le Barcarès, suchten Muscheln und statteten den Seemöwen einen ersten Besuch ab. Wir lernten sofort den Carrefour, eine Supermarktkette die es auch in Spanien gibt, zu schätzen, da er zusätzlich alles, was für Kleinkinder von Wichtigkeit ist, im Sortiment führt. Wir aßen Baguette, Eclaires, Crêpes, Zitronentarte, tranken französischen Wein und Traubensaft. Immer umgab uns dabei die erhabene Kulisse der Gebirgszüge der Pyrenäen, die mit ihren weißen Spitzen zum Greifen nahe schienen. Ein wahrliches Urlaubsgefühl stellte sich dadurch ein.

Silvester ging ich noch in Claira zum Friseur und ließ mir die blondierten Strähnen kappen, sozusagen um mich auch optisch von Altem zu verabschieden und mich auf Neues einzustellen. Der kleine Plausch mit der Friseurin und anderen Kundinnen kitzelte ungeahnte Französischkenntnisse aus der Schulzeit hervor und ließ mich einen kurzen aber fröhlichen Eindruck ins Leben der Ansässigen erhaschen. Wir feierten den Jahreswechsel dann beschaulich in unserem Häuschen mit einem gediegenen und dennoch kleinkindgerechten Abendessen und verkosteten nach dem Zubettbringen unserer Töchter zusammen zwei Sorten Cidre. Ein neues Jahr begann und mein Wunsch aus dem vergangenen Winter, auf selbiges irgendwo in Südeuropa zusammen mit meinem Mann anzustoßen, wurde tatsächlich Wirklichkeit.

Für 2020 haben wir uns ja offenkundig so Einiges vorgenommen. Das Motto für das neue Jahr steht schon länger felsenfest:

"Die Arbeit läuft dir nicht davon, wenn du deinem Kind einen Regenbogen zeigst. Aber der Regenbogen wartet nicht, bis du mit deiner Arbeit fertig bist." (Chinesisches Sprichwort)

Neujahr verbrachten wir dann mit einem großartigen und lange ersehnten Ausflug nach Carcasonne. Die Besichtigung dieser Stadt und Burganlage bildete zweifelsohne  den Etappenhöhepunkt. Die Zinnen, Türme, Mauern, Wälle und engen Gassen im Licht des ersten Januartages hinterließen bei uns und unseren Mädchen einen gewaltigen Eindruck.

Die Woche in Okzitanien bildete insgesamt einen gelungenen Auftakt unserer Reise. Auch die Begegnungen mit den Menschen waren ohne Ausnahme von Freundlichkeit und Interesse geprägt, was mich ehrlicherweise etwas überraschte, hatten wir doch in Frankreich schon andere Erfahrungen gemacht. Heute aber geht's über Collioure an der Côte Vermeille weiter nach Rubí bei Barcelona: endlich Spanien! - Jedem Anfang wohnt für bekanntlich ein Zauber inne und ich hoffe, wir surfen noch eine ganze Weile auf der willkommenen Woge der Anfangseuphorie, bis wir so richtig im Reisemodus angekommen sind und die Wellen der Reiselust uns vier beständig vorantragen.