Wieder auf Kurs

Unsere Entscheidung zu einer Langzeitreise

Auch als das Jahr 2019 bereits unumstößlich begonnen hatte, klebte das alte Jahr ehrlicherweise noch an unseren Hacken wie ein alter Kaugummi. Die Einleitungsworte unseres Familienberichtes für das vergangene 2018 deprimierten mich: "... wir hielten auch dieses Jahr die Füße reisetechnisch still...". Diesen Passus würde ich nun getrost auch in den folgenden Jahren ohne Abänderungen übernehmen können, dachte ich bei mir.

Die Kinder ließen uns derzeit funktionieren, die damit einhergehende Routine hielt uns zuverlässig im Hamsterrad rotieren, die uns umgebende Vorgabe von Familienleben hielt unsere eigenen Vorstellungen fest im Würgegriff und die Herausforderung um unsere finanzielle Absicherung setzte uns zusätzliche Scheuklappen auf.

Hinzu kamen Überlegungen zur Anschaffung eines eigenen Häuschens – vielleicht ja im Neubaugebiet, wo die Schule bequemerweise nicht weit, der Spielplatz nach aktuellen DIN-Sicherheitsstandards jedes echte Abenteuer im Keim erstickt und kein Baum älter als 10 Jahre ist. In dem unser Keller all das Spielzeug der Kinder beherbergen könnte, welches sich todsicher recht zügig würde anstauen wenn es so weiter ginge wie bisher. Die Wahl, wo wir uns nun niederlassen würden, müsste auf Gedeih und Verderb der Sozialkontakte unserer Kinder wegen bis zu deren Volljährigkeit beibehalten werden.

Wir saßen beim Gedanken daran wie die Kaninchen vor der Schlange und wussten nicht recht, was mit uns nicht stimmte, waren wir doch von dieser Aussicht, die viele andere Paare als ideales Ziel anstreben, einigermaßen entsetzt. Es schien auch keine vernünftige Alternative zu diesem Modell zu geben, vor allem nicht mit Kindern im Schlepptau. Gespräche ob unsere Erste mit anderthalb, erst zwei oder – warum denn so spät? – erst mit drei in den Kindergarten soll und warum wir denn – um Himmels Willen! – noch nicht geimpft hätten ermüdeten mich inzwischen nur noch. Dänemark hatte sich von heute auf morgen als das einzig mögliche Reiseland herausgestellt und war vorbestimmt, uns in regelmäßigen Abständen immer auf das Neue willkommen heißen zu müssen. Das klang nach einem Immer-so-weiter in Dauerschleife, es klang mehr nach Stagnation als nach einem erfüllten Leben. Kurzum: Wir fühlten uns fremdbestimmt von einem System in dem kaum noch ein eigener Lebensentwurf und Individualität Platz zu haben scheinen.

Es war also höchste Eisenbahn, innezuhalten und auf die eigene Stimme zu lauschen, wo die Unzufriedenheit eigentlich begründet liegt, welche andere Richtung man deswegen zukünftig einschlagen möchte und diese Entscheidung mutig und konsequent zu verfolgen.

Ich stellte fest, dass es für mich persönlich vier Punkte gibt, deren Fehlen mir zusetzen und die ich nur zu gern (wieder) etablieren will. Ich möchte wieder mehr Zeit mit meinem Mann frei von notwendigen Aufgaben und die Zeit mit den Kindern ohne vorgefertigte Verpflichtungen verbringen, ich möchte wieder häufiger in der freien, unbebauten Natur sein und meinen Töchtern auch das Aufwachsen und Erleben in dieser ermöglichen. Außerdem erschlägt mich förmlich der ganze Plunder, der sich schon nach zwei Jahren in unserer Wohnung angestaut hat und zu dem nur noch ein stetiger Zugang und keinerlei Abgänge realistisch erscheint. Für meinen Mann sind es das hohe Arbeitspensum bis zur Belastungsgrenze und dass damit verbunden alle anderen Interessen wie zum Beispiel Sport und Reisen quasi komplett zum Erliegen gekommen sind.

Eine Woche später schleuderte ich selbst die Idee in den teils disharmonischen Alltag, diesem Jahr eine richungsweisende Bedeutung zu geben, indem wir es als Vorbereitung für eine länger andauernde Reise zu viert quer durch Europa nutzen. Nach kurzem Zaudern, einigen ersten hitzigen Gesprächen, grundlegenden Überlegungen und ersten durchwachten Recherchestunden schlägt diese Idee nun immer tiefere Wurzeln. Denn wann wollen wir als Familie sonst anfangen "die Geschichten zu sammeln, von denen wir später einmal erzählen können"? Auch Mark Twain wusste schon, dass man eines fernen Tages mehr enttäuscht sein wird ob der Dinge, die man nicht getan hat, als über die, die man gewagt hat.

Die Sterne stehen günstig für ein solches Unterfangen: Unsere Töchter haben das schulpflichtige Alter noch längst nicht erreicht, wir haben weder Haus noch Grundstück, welche uns verpflichten, und auch Räumlichkeiten zum Unterstellen unserer Habseligkeiten sowie eine Adresse, wo wir im Krankheitsfalle kurzfristig Unterschlupf fänden, haben wir; denn wir wollen unseren aktuellen Wohnsitz für die Reisedauer komplett aufgeben. Außerdem kann mein Mann von unterwegs arbeiten, was Grundvoraussetzung ist, da wir keine Ersparnisse in der Zeit aufbrauchen können und wollen, sondern gewährleistet sein muss, dass der schnöde Mammon kontinuierlich in unsere Kassen gespült wird. Kurzum: Es könnte gewiss schlechtere Ausgangslagen geben.

Ein kleines Pflänzlein rankt nun in uns und zweigt sich fort. Reiseblogs von Familien mit Kindern werden durchforstet, Klimatabellen zu Rate gezogen, Aufgabenlisten und Zeitpläne für die organisatorischen Vorbereitungen zusammengestellt, unsere Europakarte mit möglichen Routen vollgekritzelt, ein Start- und Notbudget ermittelt und die Kosten kalkuliert.

Fest steht, dass wir Neujahr 2020 in Südeuropa zusammen anstoßen und unsere Reise beginnen möchten. Das sind noch elf Monate, der Countdown läuft. Und auch wenn vieles noch nicht ausgereift ist, ist eines klar: Wir sind endlich wieder in unserem Element.