Etapa tres – Valencia

Unsere Unterkunft im Stadtteil El Cabanyal erreichten wir am frühen Abend. Der Anblick des nur sieben Minuten vom Strand gelegenen Apartments ließ uns sofort erleichtert aufatmen: Die Gastgeberin empfing uns freundlich und hilfsbereit in einer grünen Oase, die von Sauberkeit und Gemütlichkeit geprägt war. Drei helle Schlafzimmer, ein geräumiger Flur, ein kleiner Balkon, ein Bad, ein lichtdurchflutetes Wohn- und Esszimmer mit Zimmergewächsen und eine grüngeflieste Küche mit Blick in unseren eigenen Patio, einem kleinen bepflanzten Innenhof, ließen mein Herz nach dem vorangegangenen Desaster höher schlagen.

Nachdem wir Lebensmittel besorgt hatten, packten wir diesmal all unsere Habseligkeiten artig aus und gaben ihnen einen passenden Platz, lohnte sich das für unseren Aufenthalt von fast vier Wochen doch auf jeden Fall. Eine zur Zierde aufgestellte, alte Wertheim-Nähmaschine wurde gleich zu meinem Sekretär umfunktioniert und andere zerbrechliche Dekorationselemente der Besitzerin routiniert weggeräumt, um sie nicht von unseren Kindern unabsichtlich beschädigen zulassen. Eines der Schlafzimmer nutzten wir ab sofort komplett zur Wäsche-, Kleidungs- und Taschenaufbewahrung. Das Größte richteten wir uns allen als Schlafdomizil ein, das Dritte ließen wir vorerst als mögliches Ausweichslager ungenutzt.

Gleich an diesem ersten Abend besuchten wir auf Empfehlung der Gastgeberin den nahegelegenen Weihnachtsmarkt, der am Vorabend des Weihnachtsfestes bei den Spaniern, am Tag der Heiligen drei Könige, dem 6. Januar, stattfindet. Für unsere von deutschem Perfektionismus verwöhnten Begriffe war er etwas kitschig und zu wenig liebevoll inszeniert, doch mischten wir uns dennoch ein Weilchen unters Volk und ließen uns von den Menschentrauben zwischen bunten Spielzeug-, Kleidungs- und Süßigkeitenständen treiben. Wir fielen alle erst gegen 22 Uhr ins Bett was den erfreulichen Grundstein des südländischen Tagesrhythmusses in uns Vieren legte und uns seitdem alle nicht vor 9 Uhr am Morgen erwachen lässt.

Unser Viertel besahen wir uns tags darauf erneut im Hellen und nun immer wieder auf kleineren Spaziergängen und Streifzügen. Direkt um die Ecke gelegen ist der Plaça de l’Esgésia dels Àngels samt Kirche wie der Name verrät, die mit ihrem Glockenklang zur vollen Stunde auch allmählich eine neue Wahrnehmung von Zeit bewirkt, endlich etwas mehr Abstinenz vom ollen Smartphone und minütlichen Checks desselben mit sich bringt. Welch angenehmer Effekt, der hoffentlich ausbaufähig ist. Etliche kleine Bäckereien, Tapas-Geschäfte und Frutas-Läden, in denen hauptsächlich Früchte, Getränke und elementare Lebensmittel käuflich sind, umgeben uns in sicheren Abständen, die wir täglich gern in Anspruch nehmen. Orangenbäume säumen Plätze und Wege und zum Strand hin mehren sich die Palmen. Den Strand erreichen wir einfach die Calle del Pintor Ferrandis hinunter in nicht mal 10 Minuten. Der Sand ist weich, sauber und wir verbringen dort und am Spielplatz direkt am Meer gern unsere Zeit.

Unsere Wohnung machten wir uns gleich zu Beginn noch angenehmer und mehr zu eigen, indem wir bei Ikea weitere Küchenutensilien, ein Kinderzelt in Form eines Busses (der Renner bei den Knirpsen), zwei Gartenstühle für Kinder, eine Spielmatte, auf der sie draußen sitzen können, und weitere kleinere Artikel einsackten.

Wir spazierten bereits wiederholt durch die Altstadt Valencias und verliebten uns in die Atmosphäre. Wir besahen uns unter anderem den Plaza Redonda, der mit Tapasläden und vornehmlich Stoffständen Interessenten anlockt, den Torres de Serranos, das frühere Stadttor sowie die Kathedrale Valencias am entzückenden Plaza de la Virgen. Diese wurde auf den Grundmauern einer alten Moschee errichtet und soll den Heiligen Kelch beherbergen. Wir kehrten in eine richtige Horchatería ein und tranken die für Valencia bekannte Erdmandelmilch, aßen die dazugehörigen Fartons, ein leichtes Blätterteiggebäck, und die ebenso bekannten Churros con Chocolate, die sich unser Töchter in null komma nichts einverleibten. Wir besahen uns die kleinen Geschäfte, die üppig-skulpturierten Brunnen, Kirchen und Plätze und waren positiv von der Ruhe, die trotz all der Regsamkeit herrschte, überrascht.

Einen wundervollen Tag verbrachten wir dann im L’Oceanogràfic. Haie, Delfine, Belugas, Pinguine, Seelöwen, Schildkröten, Krokodile und andere Meeres- oder wassernah lebende Tiere haben in diesem größten Aquariumkomplex Europas ihren eigenen Themenbereich. Wir waren fasziniert von der Sauberkeit der Gehege, des Wassers, der gesamten Anlage und in herausragendem Maße vom Zustand der Tiere, die alle einen äußerst gesunden und bewegungsfreudigen Eindruck machten. Bilder von so manchem Pinguin im Heimatland erwecken bei mir des Öfteren im Gegensatz einen Schauer voll Mitleid. Ohne Expertenwissen und mit dem Gedanken, dass Tiere in Gefangenschaft wohl nie der Optimalzustand sind, muss ich aber sagen, dass ich doch beeindruckt von den Dimensionen und der Gestaltung der Aquarien und Terrarien war und die Wesen mir allesamt einen agilen Eindruck machten. Wir konnten Pinguine und Belugas beobachten, die richtig Geschwindigkeit aufnahmen und durchs Bassin jagten. So hoffe ich auch, dass wenn diese Geschöpfe schon nicht im Freien leben können, doch Erkenntnisse, die Wissenschaftler aus den Beobachtungen und Messungen ihrer Leben ziehen, den Artgenossen in Freiheit irgendwann und irgendwie zum Vorteil gereichen werden. Jedenfalls konnte man die enormen Anstrengungen, es den Tieren gut gehen zu lassen, deutlich wahrnehmen.

Das Terrain des L’Oceanogràfic gehört zum Areal des Ciudad de las Artes y Ciencias, das wir nochmal an einem anderen Tag aufsuchten. Dort gibt es verschiedene Museen und Ausstellungen der Künste und Wissenschaften zu entdecken. Ich bin bislang nie ins Schwärmen geraten beim Anblick von Bauwerken und mir kann wohl kein großes Interesse an Architektur bescheinigt werden. Aber die Ciudad verzückte mich wirklich mit ihren weißen Bögen, Schrägen, Stäben und imposanten Hallen, Kuppeln und Dächern inmitten eisblau changierender Wasserbecken im hellen Sonnenlicht. Die futuristische Szenerie hat es mir definitiv nachhaltig angetan. 

Marius wohnte mehrere Male Fußballspielen in Valencia und der Umgebung bei, nahm mitunter unsere Töchter mit, wenn die Uhrzeit es zuließ – was ihnen den Länderpunkt Spanien sicherte – und verbrachte so wohl die ein oder andere Stunde zumindest ähnlich wie in „alten Zeiten“.

Wir absolvierten die Wocheneinkäufe  im großen Carrefour mit dem Bulli und erledigten kleinere Einkäufe im nächstgelegenen Mercadona zu Fuß. Ich verbrachte meine 1,5 h wöchentlich kinderfrei im El corte inglés und genoss es ehrlicherweise ziemlich nach langer Disziplin und Selbstkontrolle mal wieder ein bisschen Mädchenkram für mich selbst, meine Puttchen und das von meiner Cousine im Frühjahr erwartete Töchterlein zu shoppen.

Wir fuhren auch in den geschichtsträchtigen Ort Sagunt, wo Hannibal seinen Feldzug gegen die Römer wegen der Nichteinhaltung der Verträge von Ebro begann und deren Burg er dabei als erstes einnahm. Wir schauten uns Städtchen, Amphittheater sowie Burg und abends der geschichtlichen Neugier wegen den Dokumentarfilm „Hannibal – Der Albtraum Roms“ an.

Mit 320 Sonnentagen pro Jahr verwöhnt Valencia Einheimische und Urlauber und auch wir genossen es in vollen Zügen im Sonnenschein unterwegs zu sein und nahmen die wärmenden Strahlen und das Licht dankbar auf. Zwischen Windspiel und Bananenblättern saßen wir zu gern in unserem Patio, schauten der Wäsche beim Trocknen zu und den Kindern, wie sie den Boden mit bunter Kreide bekritzelten und in Sandförmchen eine Suppe aus Blättern des Affenbrotbaumes für uns kochten. Generell besuchten wir diverse Spielplätze und freuten uns, dass unsere Mädchen dort auch mit einheimischen Kindern spielten und die Sprachbarriere kein Problem darstellte. Insgesamt waren wir erfreut über die große Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit der Leute, sei es beim Kinderarzt, in Kontakt mit der Wohnungsinhaberin, beim Einkauf und dem Umgang mit unseren Sprossen, der ausnahmslos wohlwollend war. Sie bekamen etliche Lollis geschenkt, wurden angelächelt oder ihnen wurde direkt auf dem Spielplatz tatkräftig geholfen indem sie auf die Rutsche gehoben wurden. Wenn ich mit den Kindern allein unterwegs war, wurden mir mit größter Selbstverständlichkeit und ohne Tamtam Türen aufgehalten und heruntergefallene Dinge aufgehoben, es folgte kein gequälter Blick, wenn wir beim Einpacken an der Kasse länger brauchten oder die Kleine mal ungeduldig quäkte. Wann es das zuletzt in Deutschland gab, fragte ich mich, und war etwas verstimmt, als mir kein ähnliches Entgegenkommen einfiel…

Anfang der zweiten Woche fieberte unsere Jüngere plötzlich und wir erwarteten mal wieder den Durchbruch der Eckzähne, das Fieber stieg aber innerhalb von 24 Stunden stark an, womit die Wahrscheinlichkeit für diese Theorie sank. Als das Thermometer 39,7 ° Celsius anzeigte, war es vorbei mit meiner Ruhe: ich schnappte mir die Kleine ohne Zögern, verzichtete in meiner Eile auf Kinderwagen, Trage und Begleitung und trug die Schwache auf den Armen zum nächsten Kinderarzt der einen Infekt im Rachenbereich feststellte und ihr das erste Antibiotikum ihres Lebens verschrieb. Wiederum 24 Stunden später war die Erkrankung allem Anschein nach auch bei unser Ersten angelangt, weswegen sie die gleiche Medikation erhielt. Diese griff auch prompt und linderte die Symptome, leider war so das Immunsystem unserer Lieblinge aber spürbar angegriffen und sie kränkelten noch etwas weiter mit Husten fort, was sicherlich auch der typischen Beheizung in Spanien durch die Klimaanlage geschuldet war. Flugs informierten wir uns über portable Radiatoren und Marius erwarb einen in der valencianischen Niederlassung der Baumarktkette Leroy Merlin. Seitdem stellt sich sukzessive Besserung ein. So vergingen die ersten zwei Wochen wie im Flug. Noch neun Tage sind wir hier, die wir mit zurückerlangter Gesundheit tunlichst ausschöpfen wollen.