Die Welt hinter Glas

Seitdem wir uns vergangenen Winter dazu entschlossen haben, zusammen als Familie eine längere Reise quer durch Europa zu unternehmen, stellte ich mir die Abfahrt immer passend begleitet von einem Lied Max Mutzkes vor: "Die Welt hinter Glas, die Route gecheckt, der Himmel noch schwarz, so still und perfekt - wir mittendrin". Heute ist es so weit: nach dem Abendessen brechen wir auf, wir starten mit unserer ersten weiten Wegstrecke pünktlich zur Einschlafzeit der Kinder und unsere eigens kreierte Reise-Playlist enthält inzwischen etliche Stücke mehr, die uns schon seit Monaten auf das Unterwegssein einstimmen. Trotzdem kommt mir das Bild immer wieder in den Sinn, wie mein Mann, unsere Töchter und ich in unserem Kleinbus wie unter einer sicheren Glasglocke förmlich durch die Dunkelheit fliegen, die vorüberziehende Landschaft nur noch als Silhouettenschauspiel wahrnehmen, die Kinder allmählich auf der Rückbank in den Schlaf dämmern und wir die erste Hürde der Anfahrt nach Südfrankreich ganz nebenbei meistern.

Vor den Geburten unserer Töchter hatten wir schon einiges von der Welt gesehen: Gemeinsam waren wir außerhalb Europas in Namibia, Japan, Südkorea, Russland, Israel, der Mongolei, dem Iran und in den USA. Zuvor bereiste mein Mann bereits China, Hongkong, Malaysia, Sri Lanka, Mauritius, den Aserbaidschan, Kasachstan, Usbekistan, Kirgistan, Argentinien, Uruguay und Mexiko oftmals auf eigene Faust und kann so auf einen immensen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Mit der Ankunft unserer Kinder kamen unsere Reiseaktivitäten bis auf wenige Ausnahmen in benachbarte Länder fast zum Stillstand. Der Ausblick, dass es so erstmal für längere Zeit bleiben könnte, bestürzte uns und die Entscheidung zu einer Langzeitreise zu viert entsprang an einem nasskalten Januarabend schlagartig unseren Köpfen.

Die Zeichen für ein solches Unterfangen standen von Anfang an gut. Mit seiner Selbständigkeit in der Reisebranche liefert mein Mann schon die grundsätzliche Voraussetzung von unterwegs aus zu arbeiten und brachte so zusätzlich professionelles Know-how ein, unsere Töchter sind erst ein und zweieinhalb Jahre alt,  sodass sie noch nicht schulpflichtig sind und meine Elternzeit noch ausgeschöpft werden kann, wir haben keine anderweitigen Verpflichtungen, die man nicht unterbrechen könnte, außerdem haben wir die Möglichkeit, unsere Möbel bei der Familie unterzustellen, denn wir haben unsere Wohnung komplett aufgeben, und schlussendlich steht uns ein entsprechend reisetauglicher VW California Beach bereits zur Verfügung, womit wir glücklicherweise summa summarum solide Voraussetzungen vorweisen können, mit unsererm Vorhaben nicht als planlos oder gar komplett verrückt zu gelten.

Ein Jahr der Vorbereitung ist seit dem besagten Tag ins Land gegangen. Nun lechzen wir sprichwörtlich danach, gemeinsam Europa zu erkunden, die Eigenarten der Länder in uns aufzusaugen, neue Landschaften zu sehen und Eindrücke zu sammeln, das Leben wieder bewusster und die Menschen, die unseren Weg kreuzen, entspannter wahrzunehmen, schlicht und ergreifend mehr Zeit miteinander und wieder mehr Zeit in der freien Natur zu verbringen, den Kindern beim Wachsen und Lernen zu zusehen aber auch an ungewohnten und womöglich auch unkomfortablen Situationen zu wachsen und einander kennen zu lernen und nicht zuletzt die Küche anderer Länder zu entdecken sowie Fußballspielen beizuwohnen.

Es soll unsere "Kleeblattreise" werden: Wir sind zu viert und wir wollen in vier Schleifen mit Start und Ziel sowie halbjährlicher Stippvisite in der Heimat unsere Bahnen durch Europa ziehen. Zwei Jahre haben wir uns dafür erstmal in den Kopf gesetzt, wobei wir uns gerade für unsere Kinder die absolute Flexibilität offen halten und ein früheres oder späteres Ende im Bereich des Möglichen liegen. Insgesamt fahren wir zur Sommerhalbzeit hin gen Norden und zum Winter in Richtung Süden um fortdauernd eine annährend gleichbleibende Durchschnittstemperatur zu erreichen, damit einerseits die Kinder keine langen Kälte-, Hitze- und Umgewöhnungsphasen durchlaufen müssen und dadurch andererseits weniger Gepäck notwendig ist.

Unsere erste Schleife führt uns für knapp ein halbes Jahr auf die Iberische Halbinsel. Im Uhrzeigersinn werden wir sie mit einem Abstecher ins Landesinnere entdecken. Durchschnittlich werden wir zwei bis drei Wochen an einem Ort verbringen. Wir starten mit einer Woche über Silvester in der Region Okzitanien in Südfrankreich, damit sich die Kinder nach einer langen Nachtfahrt in Ruhe akklimatisieren können, danach geht es in kürzeren Streckenabschnitten zuerst weiter nach Katalonien, um den Großraum Barcelona zu erkunden, und im Anschluss nach Valencia weiter, wo mich ein Spanischkurs von Kolumbus Sprachreisen erwartet, auf den ich mich schon riesig freue.

In den letzten Tagen haben wir noch Plätzchen gebacken, Weihnachtsmärkte besucht und unterm geschmückten Tannenbaum mit der Familie Weihnachten gefeiert - und uns und die Kinder nebenbei schon auf unser "Vagabundendasein" vorbereitet. Im Kopf ging ich nächtens die Gepäckstücke durch, rollte tags darauf Kleidungsstücke in Packwürfel, drapierte die Taschen in übersichtlichen Einheiten, mein Mann machte die ersten Unternehmungen und Ausflüge vor Ort dingfest, buchte final Unterkünfte und wir erklärten den Kindern unser Vorhaben, lasen Urlaubsbücher vor, packten gemeinsam Spielzeug ein, rüsteten unser Vehikel für die Fahrt und versuchten bei allem den Spagat zu meistern, nichts Unnützes mitzunehmen und dennoch für unsere Töchter soviel Vertrautes und Erfreuendes in unseren Siebensachen wie möglich unter zu bekommen, um ihnen die Veränderung so gut es nur irgendwie geht angedeihen zu lassen.

Wir sind erleichtert, dass alles bis hierhin geklappt hat und dennoch bleibt die Anspannung um das Wohl unserer Kinder bestehen: Wie werden sie es finden? Werden sie Heimweh haben? Werden sie es genießen und gar aufblühen wie wir es von so vielen Langzeitreisenden über ihre Kinder gehört haben? Heute sitzen wir in unserem Gefährt wie auf heißen Kohlen und wollen das endlich herausfinden.

Alle Mann in den Bulli! Christophorus Heil! - Die Dunkelheit packt das Umland hinter den Scheiben bereits in sein geheimnisvolles Geschenkpapier, die Welt liegt einladend und verheißungsvoll vor uns, ein Abenteuer beginnt - wir mittendrin!