Die Sonne scheint bei Tag und Nacht - Eviva Sevilla!

Vor unserer ersten Fahrt nach Sevilla war ich richtig aufgeregt. Die Stadt stellte ideell meinen Höhepunkt der ersten Reiseschleife dar und ich hatte große Erwartungen. Etliche Bekannte hatten von der Hauptstadt Andalusiens geschwärmt und uns in den rosigsten Farben von ihr berichtet. Wir starteten ziemlich planlos aber umso hingebungsvoller unsere örtlichen Erkundungen. Fast ununterbrochen begleitete uns der liebliche Duft von Orangenblüten, der von den regelmäßig gepflanzten Bäumen wehte und die ganze Stadt zu erfüllen schien.

691.000 Sevillaner leben in ihrer Stadt, die die ureigenste Essenz Südspaniens versprühen soll. Sie liegt am Río Guadalquivir, in dem sich noch 100 km entfernt vom Atlantik Ebbe und Flut bemerkbar machen. Ein geflügeltes Wort besagt: "Quien no ha visto Sevilla, no ha vista maravilla." - Wer Sevilla nicht gesehen hat, hat noch kein Wunder gesehen. Schon die Römer unterhielten hier eine bedeutende Hafenstadt, nach Herrschaft der Mauren fiel die Stadt dann Mitte des 13. Jahrhunderts an das Königreich Kastilien. Nach Kolumbus' Entdeckung Amerikas erlangte Sevilla eine Monopolstellung im Überseehandel, die sie aber nach Untergang ihres Kolonialreiches wieder verlor. Paläste, Kirchen, andere Bauten sowie Gärten, Parks und Brücken zeugen aber noch heute vom Reichtum und dem Anspruch an Ästhetik, Stil und Kunst aus vergangenen Zeiten.

An insgesamt sechs Tagen besahen wir uns dann Sevilla. Unvorbereitet fuhren wir am ersten Tag ins Innere und ergatterten unverhofft einen Parkplatz am 36 m hohen Torre de Oro, dem "Goldturm", einem maurischen Wachturm, der einst mit Goldazulejos geschmückt war und auch heute noch einen imposanten Eindruck macht. Wie Alice im Wunderland liefen wir dann staunend durch die sich vor uns auftuende Pracht Sevillas. Wir starteten an der Puerta Jerez und sahen schon dort kurz die erste Flamencotänzerin in Aktion. Wir flanierten weiter zur Kathedrale Sevillas mit ihrem 96 m hohen Glockenturm, der Giralda. Der Turm galt einst als der höchste der Welt und ist heute das bedeutendste Wahrzeichen der Stadt. In einem großen Bogen erkundeten wir weiter die Innenstadt. Vom Metropol Parasol, einer Holzkonstruktion am Plaza de la Encarnación, die aussieht wie ein riesiger Pilz und Schattenspender als auch Aussichtsplattform abgibt, liefen wir durch das Judenviertel in dem wir dramatisch inszenierten Fastenprozessionen ansichtig wurden, in Richtung Jardines de Murillo, einem urbanen Landschaftspark am Alcázar, dem Königspalast. Vorm Erreichen desselben pausierten wir aber noch in der nicht umsonst hochgelobten Freiduría Puerta de la Carne. Wir genossen dort Garnelen, Fisch und andere frittierte Köstlichkeiten. Hernach gingen wir im besagten Park spazieren und ließen die Kinder auf dem dortigen Spielplatz toben. Als wir schon im Begriff waren, wieder den Rückweg anzutreten, eröffnete gerade ein Ensemble mitten in der Grünanlage ihren Auftritt mitsamt Flamenco-Tänzerinnen. Da solche Vorstellungen gemeinhin erst abends stattfinden und ich mir einen Besuch schon aus dem Kopf geschlagen hatte, nutze ich augenblicklich die Chance und wir besahen uns das leidenschaftliche Schauspiel für eine knappe Stunde. Froh über diesen unverhofften kulturellen Zugewinn fuhren wir an diesem Tag zurück in unser Quartier.

An einem späteren Tag besichtigten wir auf der anderen Seite des Flusses den Stadtteil Triana, der für seine Keramik-Manufakturen bekannt ist. Dort besuchten wir eine solche Handwerks-ausstellung, besahen uns die besonders liebevoll mit bunten Kacheln befliesten Häuser und statteten außerdem dem Mercado des Barrios einen Besuch ab. Wir besichtigten natürlich auch die Stierkampfarena und den halbkreisförmigen Plaza de España mit dem Palacio Central und seinen 82 m hohen Ecktürmen, dem riesigen Springbrunnen davor und dem künstlichen Fluss, auf dem man mit Paddelbooten romantisch entlang gondeln kann. Die Gebäude wurden 1929/30  anlässlich der Ibero-Amerikanischen Ausstellung errichtet. Wir liefen durch den angeschlossenen Parque de María Luisa, der von der Infantin von Spanien, María Luisa Fernanda de Bourbón, gestiftet wurde. Wir akklimatisierten uns am Springbrunnen zwischen Büschen voller Engelstrompeten und waren von soviel Anmut und Liebreiz etwas überwältigt.

Enttäuscht waren wir anderntags dafür umso mehr vom Stadtteil Macarena mit der Basílica de la Macarena, die die berühmte Schwarze Madonna beherbergt. Das hochgelobte In-Viertel war laut, hektisch und schmutzig. Auch dem Alameda de Hércules, einem Platz mit vielen Bars und Tapas-Läden, der Kreative und Studenten magisch anziehen soll, konnten wir nichts abgewinnen. Könnte sein, dass wir mit unserem Status "married with children" schlichtweg nicht die richtige Zielgruppe für das Szene-Barrio waren, aber uns stachen die Glassplitter auf dem Boden, die Hundehaufen aller paar Meter und die offensichtlich Drogenabhängigen auf jeder zweiten Bank mehr in die Augen als die möglicherweise netten Lokale links und rechts des Platzes. Schnell weg in Richtung Río erhofften wir schnelle mentale Reparation auf einem Spielplatzareal, doch auch der Weg bis zum Spielplatz war mit Glasscherben, Müll und Fäkalien garniert, zerknirscht ließen wir den Kindern eine Pause beim Klettern, Wippen und Rutschen, verließen dann aber für diesen Tag enttäuscht die Stadt. Das perfekte Bild Sevillas hatte Risse bekommen.

Schon zwei Tage später rehabilitierte die Innenstadt unseren Eindruck aber wieder nach oben. Wir bummelten die Calle Córdoba entlang, aßen am Plaza del Salvador liebgewonnene Churros con Chocolate und Bocadillos, liefen an der Stadtverwaltung am Plaza de Francisco mit dem schönen Fuente de Mercurio vorbei über die Avenida de la Constitución bis zur Kathedrale hin und es lag außerhalb unserer Vorstellung, dass Macarena nur 15 straffe Gehminuten entfernt sein sollte. Mein Mann kaufte mir sogar ein für unseren Reisepragmatismus viel zu schickes Kleid, womit das Ausmaß der Verwirrung unserer Sinne von zuviel Glanz und Wohlempfinden in der Umgebung verständlich werden dürfte. Wir sackten hernach im Sabor a España noch landestypische Süßigkeiten für uns und Daheimgebliebene ein und waren sehr erleichtert, final ein schönes Bild von der City Sevillas mit uns davon zu tragen.

Den Día de Andalucía feierten wir im Parque de Alamillo, einem Stadtpark in Sevilla. Der Feiertag geht zurück auf den 28. Februar 1980, an dem Andalusien den Status einer autonomen Region erlangte. Der Tag wird in vielen Städten ausgiebig gefeiert. Plätze und Straßen werden in den Farben Andalusiens, in Grün und Weiß, geschmückt und viele Spanier treffen sich mit ihren Familien im Freien zum Picknicken. Die Meisten brachten Outdoor-Spiele mit, die überall tüchtig im Einsatz waren, außerdem wurden zu meiner besonderen Freude Wimpelgirlanden aufgehangen sowie Luftballons und Fahnen verteilt. Wir fuhren mit einer Bimmelbahn durch das Gelände, außerdem mit einem kleinen Zug durch eine Miniaturwelt, aßen bei den Einheimischen anscheinend beliebtes Schaumzuckereis und endeten wie alle um uns herum mit Muskelkater in den Armen vom vielen Winken auf unserer Picknickdecke beim Montadito-Mampfen.

Die Freundlichkeit in Andalusien besonders den Kindern gegenüber war überwältigend. Die beiden Herzchen wurden angelacht und angesprochen,  uns wurden in einem sonst überfüllten Lokal Plätze frei gemacht und angeboten, weil die lieben Kleinen mit von der Partie waren und unsere Jüngere erhielt sogar einen Handkuss im Supermarkt für ihr sympathisches Lächeln. Eine Vielzahl von Frauen erzählten mir beim Anblick unserer Kinder, wie viele Kinder sie selbst hätten und welche Namen sie trügen. Warum die Spanier in Europa die niedrigste Geburtenrate haben ist mir unverständlich, überall scheint der Nachwuchs überaus willkommen zu sein.

Eine erste Erfahrung mit der deutschen Giftnotrufzentrale hatten wir im Laufe der zweiten Woche. Unsere Kleine steckte sich mal wieder ein kleines Stückchen grünen - uns bis dahin unbekannten - Blattes in den Mund, dessen Busch auf unserem Balkon wuchs. Bevor sie es schlucken konnte, entfernte ich es zwar, aber bald zeigte sie quietschend und weinend auf Zunge und Hände. Meine instinktive Reaktion war, mir das Blatt selbst kurz an die Zunge zu halten um festzustellen, ob es nur stark bitter schmeckte, aber ich stellte ein paar Sekunden später fest, dass es auch bei mir stichelte und juckte. Nach einer Googlesuche fand ich heraus, dass es sich um einen "Philodendron Giganteum" handelte und der Verzehr desselben tatsächlich toxisch - besonders für Hunde, Katzen und Nager - aber auch für Kleinkinder nicht vollkommen unschädlich ist. Ich rief prompt die Giftnotrufzentrale an, die schnell Aufklärungsarbeit leisten konnte. Im schlimmsten Falle hätte der Verzehr zu Erbrechen, starkem Unwohlsein und dem Anschwellen des Mund- und Rachenraumes führen können, womit eine Cortisonspritze unter Umständen nötig geworden wäre. Wir folgten dem Rat, der Kleinen gekühlte Getränke und Speisen zu reichen und gaben ihr Apfelschorle, Erdbeeren sowie Gurke aus dem Kühlschrank, was sie gut annahm. Wir kontrollierten auch noch zwei Stunden lang ihren Mund engmaschig um ein möglicherweise späteres Anschwellen zu Erkennen. Doch sie zeigte zum Glück keine nennbare Veränderung und der Juckreiz schien auch zu Verschwinden, womit wir nach diesem kurzen Zwischenfall um eine Erfahrung reicher waren. Vielleicht sollten Cortisonzäpfchen für ernstere Situationen in die Liste unserer Reisapotheke aufgenommen werden...

Mein Mann flog während unseres Aufenthaltes für einen Tagesausflug nach Mallorca um dem Fußballgott zu huldigen, fuhr des gleichen Grundes wegen einige Tage später nach Gibraltar und wohnte noch diversen Spielen in und um Sevilla bei. Meistens drückte ich mich um die Begleitung und ruhte mich erleichtert auf meinem Länderpunkt, den ich bereits in Velez-Málaga eingeheimst hatte, aus.

An Weiberfastnacht feierten auch wir den Karnevalsauftakt und ich steckte unsere Puttchen in stilechte Flamenco-Kleider samt passender Blüte im Haar. Ich hatte die Kleidchen bei einem unserer Ausflüge in einem Souvenirgeschäft erblickt und war nicht im Stande gewesen vorüber zu gehen, ohne sie mitzunehmen. Beim Anblick der an diesem Tag enstandenen Bilder weiß ich sicher, dass ich mir dies auch noch in hundert Jahren danken werde, denn meine Töchter sachte lächelnd in dieser Aufmachung festgehalten zu sehen, finde ich einfach göttlich. Hoffentlich sehen die Beiden das später genauso.

Das Wetter war bis auf die vorletzte Nacht, in der es regnete und stürmte, einfach gigantisch: Wir hatten durchweg über 22° Celsius und Sonnenschein - und das im Februar! Was Hanna Aroni in "Eviva España" besingt wurde erst durch unseren Aufenthalt in Andalusien nachvollziehbar; man hatte wirklich das fantastische Gefühl 24 Stunden täglich von Helligkeit und Wärme umgeben zu sein. Eine sanfte Bräune war trotz Sommerkappen und Sonnencreme unsere angenehme Ernte.

Ich habe den Kindern erstmalig in Las Pajanosas ganz bewusst den Sternenhimmel gezeigt, wir hatten vom Balkon aus die Sicht in ein unglaublich klares Firmament und konnten so auch ungeübten Auges den Kleinen, den Großen Wagen und Sirius ausmachen. Wann hatten wir letztmalig so viel Zeit und Nerven, gemeinsam die Sterne zu betrachten und noch dazu die Muße, sie unseren Kindern mit ansteckender Faszination zu zeigen? Wenn ein Zweck unserer Reise ist, zusammen als Familie Momente von Bedeutung zu erleben, so haben wir ohne jeden Zweifel hier solche Erinnerungen geschaffen. Ich werde die gemütlichen Abende oben auf dem Doppelstockbett vermissen, das lichtüberflutete und mit Sommergeräuschen erfüllte Sonnendeck sowie die Glockenmelodie der Kirche von Las Pajanosas. Und die Anmut Sevillas. Aber Sevilla, da bin ich mir ganz sicher, werde ich auf jeden Fall wiedersehen.