Angekommen im Herzen Andalusiens

Knapp anderthalb Stunden nach unserer Abfahrt in Málaga erreichten wir Ronda zur Mittagszeit. Die auf einem Berggipfel gelegene Stadt ist wahrlich kein Geheimtipp. Sie liegt oberhalb der Schlucht El Tajo, die die Altstadt von der Neustadt trennt und dort von einer gigantischen Brücke, der Puente Nuevo, wieder vereint wird. Wohlgemerkt spricht man dort von einer Neustadt aus dem 15. Jahrhundert und einer Altstadt aus der Zeit maurischer Herrschaft – zeitliche Begriffe sind also relativ. Wir liefen über den Plaza del Soccoro, ließen unser Blicke von der berühmten Brücke in die Täler gleiten, hielten dabei die Kinder doppelt gut fest, aßen am Plaza de España zu Mittag und besahen uns die legendäre Stierkampfarena aus dem 18. Jahrhundert. Drei Generationen der Familie Romero, die allesamt in Ronda geboren wurden, entwickelten im selben Jahrhundert übrigens die Regeln des modernen Stierkampfes, die Escuela Rodeña. Im Park Alamedo del Tajo lustwandelten wir zwischen Brunnen und Ziergewächsen, genossen abermals einen großartigen Ausblick in die vor uns ausgebreitete Welt und erwiesen dem dortigen Spielplatz abschließend unsere Ehre. Völlig zu Recht gehört ein Besuch Rondas zum Pflichtprogramm jeder Reise durch das südliche Spanien.
Wir fuhren dann weiter über Zahara de la Sierra am Rande des Naturparks Sierra de Grazalema. Die Ortschaft gehört zu den „Pueblos blancos“, den Weißen Dörfern, und sie wurde im 8. Jahrhundert von Arabern gegründet. Auch wenn die meisten Lokale bei unserer Ankunft bereits Siesta hatten, bekamen wir Patatas Fritas, Albondigas und eine Art Kartoffelsalat mit Pulpo kredenzt. Die Sicht über die Landschaft und den nahegelegenen Stausee bot ein malerisches Bild. Wir packten nach einem kurzen Stadtrundgang die Kinder kuschlig in die Sitze und fegten dann nochmal in gut anderthalb Stunden weiter zu unserer neuen Bleibe nördlich von Sevilla.

Wir erreichten abends unser Reihenhaus in Las Pajanosas, einem kleinen Dorf bei Guillena, 20 Minuten entfernt von der Hauptstadt der Autonomen Region Andalusien. Nach dem Aufdrehen der Heizkörper machte sich mein Mann gleich nochmal auf den Weg, um ein vernünftiges Abendessen für uns aufzutreiben. Ich erstversorgte sozusagen währenddessen die Kinder und packte die wichtigsten Sachen aus. Der Beutezug meines Mannes war erfolgreich: Gleich um die Ecke auf der Hauptstraße bekam er Wildschweingulasch mit Schmorkartoffeln und gebratenes Gemüse vom Restaurant Casa Miquete, das uns damit seit dem ersten Tag und weiter fort regelmäßig bewirtete. Unser Domizil richteten wir gleich am Folgetag sorgfältig nach unseren Bedürfnissen sowohl wohnlich als auch kindgerecht ein, sollten wir doch für drei Wochen hier unser Quartier haben. Ein Kindertreppengitter hatte der Vemieter bereits angebracht, routiniert brachten wir weiter Steckdosenschutze an, räumten zerbrechliche Dekoration behend beiseite und auch alles Übrige nach unseren eigenen Façon um. Das Haus war an sich zu groß für uns, daher funktionierten wir uns das dritte Schlafzimmer einfach als Aufenthalts- und Spielzimmer um und ignorierten zumeist das große Wohnzimmer. Oben auf dem dort stehenden Doppelbett richteten mein Mann und ich uns sozusagen eine behagliche Abendveranda ein. Zugang hatte dieses Zimmer zum bald schon heißgeliebten und von uns nach Peter Lichts Hit getauften „Sonnendeck“. Mit Außendusche, Bepflanzung, Loungemöbel und Wäschleinen versehen brachten wir auf dieser lichtüberfluteten Terrasse etliche Stunden zu. Das Wohnwagenzelt der Kinder erhielt dort seinen Platz, eine Kinderbadewanne wurde als Minipool umfunktioniert und wenn es zum Planschen zu kalt war, fingen die Kinder dort Plastikobst mit ihren neuen Käschern ein.  Zuverlässig wurde dabei auch alles drumherum nass, trocknete aber genauso sicher wieder bis zum nächsten Morgen.

Der Ort Las Pajanosas bot nicht viel außer einigen Restaurants und Bars, einer kleinen Kirche, einem Spielplatz, einem neueröffnetem aber winzigen Spar sowie einem urtümlichen Kaufmannsladen, einer Apotheke und einem Briefkasten. Das nur zehn Minuten entfernte Guillena wartete dafür schon mit etlichen Geschäften mehr auf, außerdem befand sich dort das Postamt (von dem wir im Laufe unseres Aufenthaltes drei Pakete abholen sollten) und ein sehr hübscher Marktplatz samt Rathaus und Kirche. Wir fuhren wiederholt zum Einkaufen hin, waren aber ansonsten nicht viel zugegen.

Einen Ausflug unternahmen wir gleich in der ersten Woche in das eine Stunde entfernte Jerez de la Frontera. Der Namenszusatz „de la Frontera“ weist den Ort als lange umkämpftes Gebiet zwischen Christen und Mauren aus. Jerez ist die Heimatstadt des berühmten Sherry der auf Spanisch Jerez heißt. Das in anderen Sprachen geläufige Wort Sherry stammt übrigens von der alten Aussprache des Namens der Stadt, der sich aus der arabischen Bezeichnung, Sherish, ableitete. Als die Engländer den Likörwein kennenlernten, war noch der alte Lautstand erhalten, aus dem sie das Wort „Sherry“ ableiteten, was sich bis heute erhalten hat. Der Ausflug startete sensationell mit einer spontanen Sherryverkostung in den heiligen Hallen der Fernando de Castilla, die uns außerdem noch geschenkt wurde. Wir erkundeten daraufhin beschwingt Innenstadt, Markthalle, Ausgehviertel, wohnten sogar örtlichen Karnevalsumzügen bei und vernachlässigten dann die Königlich-Andalusische Reitschule zugunsten eines Besuches einer riesigen Spielplatzanlage, der „La ciudad de los niños y niñas“ – die Kinder dankten es uns mehrfach, was man an ihrem anhaltenden Strahlen, ihrem ausgelassenen Spielen mit Gleichaltrigen und ihren glücklichen Kindergesichtern ablesen konnte. Die Sonne knallte unglaublicherweise irgendwann so unerbittlich, dass wir Sorge bekamen, die Kleinen könnten einen Sonnenstich bekommen. Deswegen verließen wir das Gelände dann einigermaßen abrupt und kühlten die Kinder im Bus mit Getränken und Wickeln. – Angekommen Zuhause zeigten sie sich quietschfidel und voll fröhlicher Erinnerungen.

All das konnte meine Vorfreude auf Sevilla selbst nur steigern. Und als eines Tages Ende der ersten Woche endlich die Entscheidung fiel, am folgenden Tag die Stadt zu besichtigen, war ich richtiggehend aufgedreht, sang den ganzen Abend leidenschaftlich „Eviva España“ und tanzte mit meinen Töchtern schwungvoll über das Sonnendeck bis mich meine Kondition verließ…