Algarve - Wir hör'n endlich mal wieder das Meer und die Wellen

Schon nach einer Stunde Fahrt erreichten wir die südwestspanische Stadt Huelva pünktlich zur Mittagszeit. Wir hatten alle vier ein großes Verlangen nach Nudeln und steuerten geradewegs das Lokal Noodlemanía an. Dort war der Name Programm; wir labten uns an Teriyaki-Udon, Reisnudel-Curry sowie Garnelen-Tagliatelle und stillten damit unser Pastabedürfnis erfolgreich. Da einerseits das Erdbeben von Lissabon 1755 den Großteil der Bebauung in Huelva zerstörte und andererseits die Entwicklung der Stadt erst in der jüngsten Vergangenheit stattfand, ist Huelva städtebaulich nicht sonderlich attraktiv. Ihren Aufschwung verdankt sie dem Mineralvorkommen am Río Tinto. Weil von Huelva aus Christoph Kolumbus in Richtung Amerika in See stach, erinnert unter anderem eine Statue am Plaza de las Monjas an ihn. Nach einem kurzen Stadtrundgang gingen wir im Supermarkt für unsere bevorstehende Nacht einkaufen, erwarben auch in einer Pastelería Gebäck und ließen den Kindern vor unserer Weiterfahrt genügend Zeit um auf dem Spielplatz herum zu tollen.

Wir erreichten die Isla Canela, eine Halbinsel im Mündungsgebiet des spanisch-portugiesischen Grenzflusses Guadiana, nach einer Stunde Fahrt. Wir waren komplett aus dem Häuschen, hatten wir es nun doch schon bis zum Atlantik geschafft! Wir stellten uns auf einen kleinen Parkplatz direkt am Meer und campten frei. Anscheinend hatten sich dieses geniale Fleckchen auch noch andere Individualreisende auf Google-Maps herausgefischt: Fünf weitere Wohnmobile bzw. Campervans sollten es bis vor Einbruch der Dunkelheit werden – allesamt Deutsche! Wir schauten uns den Sonnenuntergang am Meer an, sammelten riesige Muscheln in unseren lilafarbenen Käschern ein, bewunderten das Treibgut und machten es uns dann bei Brot, Salami, Käse sowie Schokoladenkuchen und Weintrauben im Bulli gemütlich. Die Kinder durften Coco und Conni gucken und später kuschelten wir uns auf unsere heimeligen zwei Etagen verteilt in die Decken – Standheizung sei Dank, dass es kuschelig blieb. Am nächsten Morgen genossen wir noch einmal den Strand und fuhren dann ein Dreiviertelstündchen zu unserer neuen Bleibe weiter. Beim Überqueren der Grenze nach Portugal strahlten wir um die Wette und fühlten uns wie Abenteurer auf ihrem Weg zu unbekannten Gefilden – Was hätte ich dafür gegeben schon vor unserer Abfahrt in Deutschland zu wissen, dass uns die Reise so gut bekommen würde!

Nun galt es, die Algarve zu erkunden mit ihren vielfach beschworenen traumhaften Stränden, ihren verwegenen Felsformationen und der wilden Natur. Durchschnittlich 3200 Sonnenstunden pro Jahr, die vielen idyllischen Badebuchten und der vom Atlantik beeinflusste Wellengang machen die Küste nicht nur für Surfer ganzjährig attraktiv. Die nördliche Bergkette isoliert die Gegend vom restlichen Portugal, hier behielten die Mauren ein halbes Jahrtausend die Herrschaft. „Al-gharb“ nannten sie ihr Kalifat, was soviel bedeutet wie „der Westen“ und der Region ihren Namen einhandelte. Die unter arabischem Einfluss entstandene Bauweise der weiß gekalkten Häuser mit minarettenähnlichen Kaminen verleiht der Landschaft ihren eigentümlichen Charme. Unser Stützpunkt in Südportugal war Olhão, eine kleine Stadt, die noch heute vom Fischfang lebt. Hafen, Markthalle und ein kleiner Park mit zwei Spielplätzen direkt am Meer bilden das Herzstück des Ortes. Durch das Städtchen führt außerdem der Caminho das Lendas, eine Fußgängertour, die fünf zentrale Plätze in Olhão verbindet auf denen in Silber getauchte Figuren jeweils eine Sage der Region erzählen. Wir verzichteten auf einen Aufstieg in den Kirchturm der Kirche Nossa Senhora de Rosário, da wir die genialste Aussichtsplattform über die Stadt selbst auf unserer Dachterrasse hatten: sogar mitsamt Pool. Bei unserem Apartment war es für mich ohnehin Liebe auf den ersten Blick. 120 helle Quadratmeter ohne jeglichen überflüssigen Schnickschnack, mit strahlend weißen Vorhängen, Lampen, Handtüchern sowie bunten Vorlegern ausgestattet, mit Bäumen und Vogelgezwitscher vorm Fenster, einem riesigen Balkon, wenigen und dafür geschmackvollen Bildern, zwei Bädern und drei Schlafzimmern. Ich sprach mir für diesen einen Aufenthalt ein eigenes Bad aus und erhielt grünes Licht – Ich fühlte mich wie auf Kur! Wir genossen zur einen Seite den Blick zum Meer, zur anderen Seite sahen wir auf die Stadt und auf das Stadion – wie schön! Schon beim Auspacken überfiel mich ein Magenziehen beim Gedanken daran, die Wohnung irgendwann wieder verlassen zu müssen.

Einen Tagesausflug unternahmen wir bald nach Faro, dem administrativen Zentrum der Algarve. Wir besichtigten etwas lustlos die Innenstadt, die Altstadt und den Hafen. Die Stadt riss uns einfach nicht vom Hocker und uns stand der Sinn wohl mehr nach Wasser, Sonne und Sand. So erkundigten wir uns bei der ansässigen Touristeninformation nach einem schönen, nahegelegenen Strand. Der freundliche Herr schickte uns an den Praia, den Strand, der eine halbe Stunde entfernten Quinta do Lago, einer schicken Gegend mit einer Vielzahl an Golfplätzen, Hotels und futuristischen Villen. Der Strand, den man über einen 300m langen Holzsteg erreicht, war fast menschenleer und geradezu perfekt. Goldgelber, feiner Sand, azurblauer Himmel und klares, türkisfarbenes Wasser kredenzten uns einen Strandtag der keine Wünsche offen ließ. Mein Mann stürzte sich gleich komplett in die Fluten, ich getraute mich nur mit den Beinen ins Nass derweil die Kinder bange wurden und wollten, dass wir wieder raus kamen. Wir spielten Fangen, machten Sandengel und gaben für unsere Töchter die Ponys. Das Ergebnis: Ein Wahnsinnsgequietsche und Heidenspaß!

Des Meeres noch lange nicht überdrüssig fuhren wir an einem anderen Tag mit der Fähre über die vor Olhão liegende Lagune auf die 1000 Einwohner zählende Ilha da Culatra, eine kleine Insel im Atlantik. Wir flanierten dort angekommen durch die sandigen Gässchen, aßen Eis, tranken Bier und knallten uns dann abermals feixend vor Wonne in den warmen Sand, die Kinder matschten mit ihren Eimerchen und Förmchen herum, fanden Seesterne und Krebse und wir trugen nur Sorge uns nicht zu verbrennen und genug zu trinken. Was für ein Leben!

Ich packte am Tag der Weiterreise etwas geknickt unsere Sachen zusammen, hatten die nächsten Quartiere es doch überaus schwer, mit dieser mitzuhalten. Aber andere Orte haben auch schöne Strände und unsere Fortsetzung der Küstenerkundung in Richtung Westen und eine weitere Nacht im Bulli standen an. Nach dem morgendlichen Check-Out steuerten wir also Lagos an und erreichten die Stadt wieder planmäßig zur Mittagszeit. Sie ist für ihre Altstadt und die malerischen Klippen am Atlantik bekannt. Routiniert füllten wir als erstes unsere Mägen in der bereits vorab ausgewählten „Pucceria Scartuccio“ auf. Wir speisten typisch italienische Gerichte und genossen einen köstlichen Weißwein aus Apulien, dessen Namen ich mir sogar notierte. Im Anschluss schlenderten wir im Sonnenschein durch die bunten Gassen. Lagos ist ein ausgemachter Urlaubsort; viele Restaurants, Cafés, Souvenirläden aber auch Sportgeschäfte locken Interessenten an. Wir besahen den bekannten Praça Luís de Camões mit dem grünbefliesten Eckgebäude und schlenderten von dort zum Plaza Lagos mitsamt Brunnenanlage, der Statue des Infanten Dom Henrique, der Kirche Santa Maria de Lagos, dem historischen Gebäude des Sklavenmarktes sowie den nahegelegenen Hafen und die Festung der Stadt.

Dann ging es zurück in unser mobiles Gefährt und wir steuerten den Ponta da Pienada, das Kap einer steilen Landzunge vor Lagos, die übersetzt „Spitze des Erbarmens“ heißt, an. Von dort kann man die gesamte Bucht von Lagos überblicken, westlich bis nach Sagres und in den Tiefen auf Grotten, Schluchten und Felswände sehen als auch Bootstouren durch Felstunnel und in fußläufig nicht erreichbare Höhlen unternehmen. Wir verzichteten mit unserem noch nicht schwimmfähigen Nachwuchs sicherheitshalber auf Letzteres und erkundeten das grandiose Areal per pedes – Huckepack unsere Töchter die ich am liebsten dreifach mit Spannseilen an uns vertäut hätte. Auf jeden Fall ist der Anblick einen Besuch wert. Danach war ein Supermarkthalt obligatorisch und wir gedachten unser dort erworbenes Abendbrot am Pinhao Praia zu verzehren, doch dieser Strand war wegen Steinschlages leider geschlossen. So fuhren wir direkt den Stellplatz für diese Nacht an, der sich im Stadtgebiet von Lagos befand und gut frequentiert war. Wir hatten die Zeit über das Abendessen im Bullidach etwas vergessen und mussten dann bei schon einsetzender Dunkelheit unsere Schlaflager herrichten was zu einem riesigen Chaos im Inneren führte. Wir pfiffen auf nicht gerade gezogene Laken und auf das Zähneputzen und schliefen trotzdem alle recht gut. Frühstück gab es etwas unschicklich beim nahegelegenen McDonalds. Wir waren die für diesen Tag ersten Kunden und durften auch den blitzblanken und frisch gechlorten Sanitärbereich nutzen – auch zum Wohl unserer Beißerchen. Erfrischt schwangen wir uns auf die Sitze. 

Schon eine halbe Stunde später hatten wir Sagres erreicht. Unser Ziel war es, den äußersten Zipfel Europas zu beschreiten. Wir besuchten hierfür das Fortaleza de Sagres, ein portugiesisches Nationaldenkmal auf der Klippe Ponta da Sagres die zusammen mit demCabo de São Vincente den südwestlichsten Punkt des europäischen Festlandes bildet. Hier, an der letzten Spitze Südwesteuropas, war auch der tatsächliche Wendepunkt unserer ersten Reiseschleife erreicht. Seit dieser Stelle sind wir praktisch auf der Route heimwärts. Wir spazierten eine Runde auf dieser Felszunge zum Leuchtturm hinüber und zum Monument „Voz Du Mar“, der „Stimme des Meeres“. Dieses Gebilde ist wie ein schneckenhausförmiges Labyrinth angelegt und im Inneren ist ein schmales, natürliches Felsloch das bis zum Meer hinunterreicht, bei Wellengang die Geräusche der See nach oben trägt und durch die Bauform gänsehauterweckend verstärkt. Wir erhielten jedenfalls nicht nur atemberaubende Ansichten über die Küste und das Meer sondern auch den passenden Soundtrack dazu. Das Souvenirgeschäft im Fort hätten wir beinahe übersehen, da es quasi überhaupt nicht beworben wurde. Es war aber ein Refugium wirklich schöner Mitbringsel, Andenken, Bücher und tollem Kinderspielzeug. Mit einer übervollen Papiertüte verließen wir die Anlage, besahen uns noch kurz das Innere von Sagres, zogen dann aber unsere Einkehr im Fischrestaurant „Adega dos Arcos“ bei fangfrischen Garnelen, Kartoffeln, Tomatensalat und einem ganzen gegrillten Barsch vor und ließen unsere Eindrücke dort Revue passieren. Unsere Mädchen bezirzten kokett das durchweg männliche Personal und mein Mann hielt sich immer mehr am Weinglas fest. Bewährt ließen wir dann die Kinder vor der Weiterfahrt „auf dem Spielplatz frei“ und erfrischten uns anschließend bei inzwischen 26° Celsius nochmal an einem öffentlichen Trinkwasserbrunnen. Gestärkt, ausgetollt und gesäubert sagten wir dann der uns stets mit Spitzensand, Sonnesatt und Wellenglitzern hold gewesenen Algarve sattelfest „Adeus“ und tippten dann die Adresse unserer neuen Unterkunft in Setúbal ein…