Abgeschieden am Atlantik

Nach Eingabe unseres nächsten Zieles ins Navi überfiel uns bereits die leise Vorahnung, dass wir nicht ankommen würden, wo wir es geplant hatten. Es wurden nicht wie erwartet drei Stunden sondern nur etwas unter zwei Stunden voraussichtliche Fahrtdauer veranschlagt. Auch auf der Karte befand sich unsere neue Unterkunft, für die es nicht mal eine richtige Adresse gab, sondern nur die Koordinaten vom Vermieter, nicht in der Nähe unseres eigentlichen Zielortes Sétubal. Nach kurzem Innehalten und rascher Befragung der modernen Glaskugel erfuhren wir, dass wir nicht in der Stadt Sétubal, wie in der Anzeige des Hauses vermittelt wurde, sondern in der südlichsten Ecke des gleichnamigen Distriktes, stranden sollten. Da guckten wir erstmal blöd aus der Wäsche. Damit waren wir zwar nicht von „Sétubal-Stadt“ mit anderthalbstündiger Distanz – aber auf jeden Fall von Lissabon, die wir eigentlich von dort aus mehrmals besuchen wollten, mit über zwei Fahrtstunden in nichttagesausflugsmögliche Entfernung gerückt. 

Anfängliche Erwägungen, die letzten Nächte zu stornieren und für diese Dauer dann direkt in Lissabon unser Lager aufzuschlagen, verpufften in den folgenden drei Tagen restlos, denn die Corona-Auswirkungen auf Europa überschlugen sich zu der Zeit. Die portugiesische Hauptstadt stellte sich schon bald als größtes Ausbreitungsgebiet des Landes heraus. Wir strichen bald unsere nächsten vier Stationen – erst zögerlich dann rigoros. Lissabon mit Sintra, Espite in Nordportugal, unseren Aufenthalt über Ostern in der Nähe von Santiago de Compostela sowie Madrid als spanischen Brutherd der Infizierten warfen wir nach wochenlangen Vorbereitungen mal eben salopp über Bord. Unseren Überlegungen zufolge entschieden wir uns aus vielerlei Gründen für eine Rückfahrt an die Algarve. Flugs erfolgte eine WhatsApp-Nachricht an unsere Kontaktperson in Olhão und welch glückliche Fügung: Meine persönliche Spitzenreiter-Wohnung sollte bald wieder zum Knallerpreis verfügbar sein. Drei Wochen machten wir daher ratzfatz als Anschlusshabitat ebenda dingfest. Dass wir woanders gelandet waren, als wir beabsichtigt hatten, stellte sich durch die Abgeschiedenheit der Unterkunft, der größeren Entfernung zu Lissabon und der kurzen Strecke zurück nach Olhão als Glück im Unglück heraus. Der Mensch denkt, Gott lenkt.

Unser portugiesisches Fischerhäuschen an der Westküste Portugals an der Praia da Queimado genossen wir dann trotzdem noch in vollen Zügen. Das Ferienhaus namens Monte da Praia in traditionellem Anstrich war heimelig, sauber und perfekt für unsere Bedürfnisse. Wir hatten direkte Sicht auf das Meer, einen Kamin und einen bezaubernden kleinen Garten. Wir waren unter den gegebenen Umständen besonders froh, so richtig ab vom Schuss zu wohnen, benötigten fast eine halbe Stunde zum nächsten Supermarkt, verfolgten die täglich einströmenden Neuigkeiten über verengte Kanäle und konnten entspannt aufatmen, kamen wir auf Grund der ruhigen Lage garnicht erst in die Bredouille, tollen Ausflugszielen nebst Menschenansammlungen entsagen zu müssen.

Bevor der Aufenthalt wegen einer durchrecherchierten Nacht zu Beginn zu meinem persönlichen Melancholia werden konnte, raffte ich meine irgendwo sicherlich noch in manchen Fasern überdauerte preußische Disziplin zusammen und übte mich darin, aus der Not eine Tugend zu machen und den neuerlichen Schwebezustand zu nutzen. Pinterest wurde abends durchforstet auf der Suche nach Bastel- und Spielanregungen für kleine Kinder. Beim Großeinkauf im Continente tags darauf erwarb ich Handarbeitsequipment in Mengen, deren Verladung ins Auto mein Mann mit hochgezogen Augenbrauen verfolgte. So bastelten wir unter anderem den Regenbogenfisch mit vielen bunten Schuppen aus Moosgummi, kneteten mit Plastilin mit viel Fantasie erkennbare Raupen, Schmetterlinge und Marienkäfer, modellierten weitere Fische und Kleeblätter aus Salzteig, kritzelten mit Wachs- und Buntstiften Ausmalhefte voll und malten Steine mit Wasserfarben bunt an. Wir tanzten zum Fliegerlied, stampfen, schnipsten und klatschen zu „Wenn du richtig glücklich bist“ und putzen unsere Zähne synchron zum neuerlernten Zahnputzsong. Wir lernten außerdem vorausschauend Osterlieder und übten auch schon das Aufhängen von Ostereiern im Bäumchen vor der Haustür. Nur den Ententanz machte ich jedes Mal allein, die Mädchen hatten aber was zu kichern und der schäle Gesichtsausdruck meines Mannes war für mich Entlohnung genug.

Der Garten vorm Haus war ein wahrliches Kleinod, dass wir ganz besonders genossen. Blitzgeschwinde Eidechsen und auf dem Rücken liegende Krabbelkäfer ließen sich dort allenthalben beobachten, überdies pflückten die Kinder jegliche Blüten ab, sodass wir überall Miniatursträuße aufstellten als würde die Frühlingsfee persönlich in unserem Refugium erwartet, sie sammelten eimerchenweise strahlend weiße Schneckenhäuer ein wobei unsere Jüngste auch öfters mit dem Sezieren der ein oder anderen Molluske beschäftigt war und wir wurden kreativ beim Hineininterpretieren von Formen und Gestalten in die vorüberziehenden Wolken. Der nahe Strand lud uns häufig zu Erkundungstouren ein. Wir kletterten über die schroffen Felsen, spielten in den zurückgebliebenen Wasserbecken mit Seeschnecken, die Kinder patschten mit bloßen Füßen durch die Rinnsale, bohrten mit Stöcken auf der Suche nach Krebsen im Sand, gingen völlig auf beim Steineschnippen, Muscheluntersuchen und Algenkäschern. Keine Matschküche der Welt hält mit diesen Erfahrungen und Eindrücken mit. Wer Entschleunigung nötig hat sollte mittwochvormittags an menschenleerer Küste Seeschnecken auf ihrem Weg zur Wasseroberfläche beschatten.

In direkter Nähe zu unserem Häuschen befand sich nur noch ein Hof mit zwei kleinen Häusern auf dem eine Familie lebte, die uns frische Eier und Orangen schenkte und deren Wachhund gleichsam auf unser Grundstück achtgab. Wir durften dort auch Zwergziegen füttern, Hasen streicheln, den Enten beim Brüten zuschauen, das Hausschwein in Augenschein nehmen und den umfangreichen Gemüsegarten inspizieren. Ein Highlight für die Kinder!

Wir drei Mädels fieberten anderntags mit Elsa und Anna in beiden Frozen-Filmen mit, die Putten spielten im Anschluss die beiden nach und perfektionierten die „Eiszauber“-Handbewegung. Dort hatten wir genug Anmut und Glitzer für eine Woche, sodass ich mich sieben Tage komplett gehen lassen konnte: Die Kontaktlinsen blieben in der Dose, mein Schminkzeug in der Kosmetiktasche, die hübschen, neuen Kleider gleich direkt im Bulli. Leicht erschreckt stellte ich fest, wie angenehm das war. Zumindest zur Abwechslung mal.

Hatte ich bereits in Valencia gelernt, wie beruhigend die Tätigkeit des Fegens mangels Staubsaugers für das Gemüt sein kann, so feilte ich hier nun weiter an meinen Achtsamkeitsübungen beim stoischen, immergleichen Vorgehen des Spielzeugboxenaufräumens am Abend – wer sauer auf seine kleinen Früchtchen ist, dass sie sich dagegen sträuben es selbst zu tun, sollte sich dieser Aufgabe einfach meditativ hingeben und die Vorteile kennenlernen – picobello drapierte Spielsachen erfreuen beim Zubettgehen das gemeinhin mit zunehmenden Alter ordnungsliebendere Herz einer jeden Mutter.

Unser kleiner Bunker stellte sich als mentale Bastion in den stürmischen Tagen der Berichte aus der Welt heraus. Und obwohl wir uns mit unserem Aufenthaltsort weit weg vom Geschehen einschätzten, fühlten wir uns näher am richtigen Leben dran. Der Himmel gab uns den Rhythmus vor, das Meer übertrug seine Stimmung auf uns, keine Straßenlaterne erhellte die Nacht, kein knatterndes Moped, keine quietschenden Reifen und keine Sirene überging das Rascheln der Binsen, kein Abgasgeruch übertünchte den des Meeres. Abends loderte ein Feuer im Kamin, morgens vernahm ich als erstes die Wellen, das Meckern der Ziegen und konnte verfolgen, wie das vom Ozean tausendfach gebrochene und reflektierte Licht langsam durch die beschlagenen Scheiben rann und die Wände des Zimmers befüllte. Der unverbaute Blick ins Land in jede Himmelsrichtung befreite uns, der Wind spülte unsere Lungen rein, Sonne und Salz spannen ihre Erinnerungen auf unsere Haut und die zarten als auch die fordernden Rufe meiner Töchter nach mir behalte ich wie goldene Fetzen von Ewigkeit in meiner Erinnerung. – Sollte das Coronavirus uns wider Erwartung wirklich hinwegraffen: Wie dankbar schätze ich mich, die letzten Tage bar jeder Ablenkung und Hysterie mit meinen Nächsten so natürlich, lebensbejahend und erfüllend verbracht zu haben. 

Von unserem Atlantikhain packte ich uns ein paar grüne Zweige als Zeichen der Hoffnung ins Gepäck um zurück in Olhão schon so richtig Osterstimmung aufkommen zu lassen. – Denn das Leben will gefeiert werden.